Interview mit einem Arbeiter aus der Montage bei Daimler in Sindelfingen

Orhan
Arbeiter in der Montage bei Daimler Sindelfingen. In Sindelfingen arbeiten insgesamt 37 000 Menschen »beim Daimler«. Hier werden drei Baureihen montiert: C-Klasse, E-Klasse und S- Klasse.

Außerdem steht dort die größte Entwicklungsabteilung von Daimler weltweit mit ca. 5000 Beschäftigten. C-Klasse und E-Klasse sind ein Bereich mit einem gemeinsamen Center-Leiter und einem Bereichsbetriebsrat. In der E-Klasse arbeiten ca. 5000, in der C-Klasse 3000 Leute in zwei Schichten. Nur im Rohbau (ca. 300 Leute), Presswerk und Lackiererei wird seit ca. 15 Jahren in drei Schichten gearbeitet. Montage: zehn Jahre lang wurden C- und E-Klasse in einem Typenmix am selben Band produziert, jetzt wird jede Baureihe für sich produziert. Die Stückzahl in der E-Klasse beträgt ca. 1100 pro Tag, in der C-Klasse ca. 660 pro Tag.


Wie ist die Auftragslage? Wieviel produziert Ihr im
Vergleich zur Zeit vor der Krise?

In der E-Klasse wird volles Programm gefahren – die ist ja neu. In der C-Klasse seit Beginn der Krise etwa ein Drittel weniger. In der S-Klasse auch etwa ein Drittel weniger.

Ist die Arbeit anders geworden als vorher?

In der C-Klasse wird demnächst die Taktzei von 72 Sekunden auf 100 Sekunden hochgesetzt Dadurch werden 100 Autos pro Schicht weniger produziert. Das wird nicht gemacht, damit die Leute langsamer arbeiten können, sondern 400 Leute sollen in andere Baureihen – v.a. E-Klasse – versetzt werden. In der E-Klasse waren die Takte zehn Jahre lang 95 Sekunden. Vor einem Jahr wurde der Takt au 85 Sekunden herabgesetzt. Das war anfangs sehr heftig. Verrückterweise schafft man nach einiger Zeit die Arbeit, hat sogar wieder etwas Luft. Aber nach Feierabend ist man einfach nur noch fertig und will nichts mehr machen.

Habt Ihr Kurzarbeit? Wie funktioniert das?

In der E-Klasse gab es 20-30 Tage Kurzarbeit davon waren alle betroffen. In der S-Klasse gibt es seit 2009 Kurzarbeit über mehr als die Hälfte der Arbeitszeit. Hier stand im Sommer, über Weihnachten usw. wochenlang das Band. Die Kurzarbei galt für alle in der S-Klasse. Auf diese Art kann die Kurzarbeit noch ein Jahr so weiter laufen.

Bei Euch wurde eine generelle Arbeitszeitverkürzung vereinbart…

Arbeitszeitverkürzung in dem Sinn, dass de Lohn gekürzt wird! In den Bereichen, in denen es keine Kurzarbeit gibt, gibt es von Juni 2009 bis Jun 2010 per Betriebsvereinbarung 8,75 Prozent Lohnsenkung. Das funktioniert folgendermaßen Statt 35 Stunden pro Woche werden nur 32 Stunden bezahlt. Mit den sieben Stunden Mehrarbeit werden die Flexi-Konten wieder aufgefüllt, die vor Beginn der Kurzarbeit kräftig ins Minus gefahren wurden. Bei Daimler sind 90 000 Leute von den Lohnsenkungen betroffen – ArbeiterInnen wie Angestellte. Dadurch konnte Daimler zwei Milliarden Euro einsparen!
In der E-Klasse wird voll gearbeitet, aber die Leute bekommen 8,75 Prozent weniger Lohn. Die Kurzarbeiter, die etwa die halbe Zeit zuhause sind, bekommen netto in etwa das gleiche, weil Daimler das Kurzarbeitergeld auf 95 Prozent aufstockt. Das schafft natürlich Unmut. Aber Daimler konnte die Leute der E-Klasse ja nicht in Kurzarbeit schicken – sie wollten ja mit dem neuen Modell rauskommen. Ein Bestandteil der Betriebsvereinbarung ist, dass die Arbeitseffizienz gesteigert werden soll.

Ist Beschäftigung abgebaut worden? Bzw. hat sich die Zusammensetzung der KollegInnen verändert?

In den letzten drei, vier Jahren gab es keine Neueinstellungen. Vorher gab es bis zu zwei Jahren Befristete, die dann meist übernommen wurden. 1997- 2002 wurden viele übernommen, nach 2005 fast niemand mehr.
Während der Kurzarbeitsperiode wurde letztes Jahr per Betriebsvereinbarung eine neue Abfindungsregelung abgeschlossen. Die Geschäftsleitung will pro Jahr 1000 Leute abbauen: über Abfindungen, Altersteilzeit und Frühverrentungen. Die C- Klasse wird ab 2014 nicht mehr in Sindelfingen produziert, bis dahin sollen ca. 4000 Leute abge- baut sein. Bisher sind 300 gegangen. 40-50-jährigen wird eine Abfindung zwischen 120 000 und 200 000 Euro brutto angeboten. Unter 40 bekommt man weniger als 100 000 Euro. Wer über 50 ist, kriegt keine Abfindung mehr, sondern Altersteilzeit oder eine Frühverrentung. Im Augenblick ist das Durchschnittsalter in der Montage 44 Jahre. Viele Kollegen sind durch die Arbeitsbelastung krank und sehen keine andere Möglichkeit, als eine Abfindung zu nehmen und raus zu gehen. Viele der ausländischen Kollegen wollen mit dem Geld in die Heimat zurückgehen, andere wollen hier ein Geschäft aufmachen.

Gibt es überhaupt junge Leute bei Euch?

Seit 1. Januar 2010 arbeiten bei uns wieder 300 Leiharbeiter für voraussichtlich drei Monate, vorwiegend in der E-Klasse. Wenn Leute aus der C- Klasse in die E-Klasse versetzt werden, müssen die wohl gehen. Die Mehrheit von ihnen sind junge Migranten, allein 200 türkischer Herkunft.

Seltsam, dass der Betrieb Kurzarbeit anmelden kann und gleichzeitig Leiharbeiter einstellt…

Man könnte auch Leute von der S-Klasse in die E-Klasse schicken, aber Daimler will das nicht, das ist teurer als Leiharbeiter einzustellen.
Laut Betriebsvereinbarung dürfen vier Prozent der Belegschaft LeiharbeiterInnen sein: das heißt, sie können ca. 4000 Leiharbeiter einstellen! Vor der Krise gab es in Sindelfingen etwa 900 Leiharbeiter, die wurden alle entlassen, als ihr Vertrag zu Ende war. Dann gab es ein Jahr lang keine Leiharbeiter im Betrieb.
Ein fest angestellter Montagearbeiter hat 22,50 Euro plus Schichtzulage plus Urlaubs- und Weihnachtsgeld, ein Leiharbeiter 16,50, wovon die Verleihfirma 7,50 bezahlt, den Rest Daimler. Viele haben nur einen Vertrag über 130 Stunden pro Mo- nat, arbeiten aber 40 Stunde pro Woche. Das bedeutet, dass sie die 16,50 nur für 130 Stunden be- kommen, für die restlichen 32 Stunden nur den Lohn der Leihfirma.
Die fest beschäftigten Kollegen finden die niedrigeren Löhne der Leiharbeiter ungerecht. Und sie haben Angst, dass es auch an ihre Löhne gehen wird. Die Leiharbeiter werden von den Kollegen nicht ausgeschlossen, die machen da keinen Unterschied. Aber der Unternehmer gibt den Leiharbeitern die einfachste und härteste Arbeit. Sie lernen auch nur 3-4 Stationen, d.h. sie rotieren weniger.

Sind die Leiharbeiter Facharbeiter?

Eigentlich nicht, viele junge Leute, viele Studenten.

Seid Ihr alle Facharbeiter?

Nein, die brauchen da keine Facharbeiter. Die Arbeit ist so organisiert, dass sie jeder in zwei Stunden lernen kann. 20-30 Prozent der Montagearbeiter sind Migranten, früher waren es mehr. Auch viele, die ausgelernt haben, kommen erstmal ans Band. Und wenn sie nach vier Jahren nichts gefunden haben, bleiben sie da.

Seid Ihr alle in der gleichen Lohngruppe in der Montage? Gab es Absenkungen bei den Eingruppierungen? Hängt das mit ERA zusammen?

Früher waren die Leute in der Montage höher eingestuft. Heute haben sie maximal Entgeltgruppe 4 oder 5. Bis zum Jahr 2014 bekommen die langjährig Beschäftigten einen finanziellen Ausgleich, der aber auf Tariferhöhungen angerechnet wird.
Die MontagearbeiterInnen haben erreicht, dass Leute mit 24 AW in Entgeltgruppe 6 eingestuft wurden. Das haben wir in der Montage damals durch eine einmalige Aktion erreicht. Wir haben sehr viel Druck gemacht. Der Unternehmer hat gleich nachgegeben, denn wenn die Montage gestanden hätte, wäre ERA im gesamten Daimler nicht durchgekommen!
Die ArbeiterInnen in der Logistik, im Presswerk oder im Rohbau haben die Überbrückung nicht bekommen. Sie bekommen auch den finanziellen Ausgleich bis 2014, aber auf dem Papier sind sie nur noch in Entgeltgruppe 4-5 eingestuft.
Geldmäßig ändert sich für die länger Beschäftigten nichts, aber z.B. die 460 Azubis, von denen 80 Prozent übernommen werden sollen, werden ca. 800-1000 Euro weniger bekommen als früher: also 2400 statt 2900 brutto ohne Schichtzulage. Je mehr Alte rausgehen, um so mehr Leute bekommen die neue Entgeltgruppe.
Die Löhne werden immer unterschiedlicher. In 20 Jahren wird kein Arbeiter mehr Entgeltgruppe 6 haben. Nach ERA kann kein Montagearbeiter mehr Entgeltgruppe 5 bekommen. Was da verlangt wird an Qualifikation, können die meisten nicht: Lesen, Schreiben, Computerkenntnisse, mindestens drei Jahre Berufsausbildung, Arbeitserfahrung in verschiedenen Bereichen, Fehlerbehebung, Führungserfahrung….

Wie ist die Arbeit in der Montage organisiert?

Bei uns am Band gibt es seit Anfang der 90er Jahre Gruppenarbeit. Ein Meister ist für zwei Gruppen zuständig. Er hat auch einen Stellvertreter. Über dem Meister (Ebene 5) steht der Teamleiter, der Ingenieur ist (Ebene 4).
Die Gruppen bestehen aus 10-20 ArbeiterInnen. Jede Gruppe hat zwei gewählte Gruppensprecher, die für mindestens sechs Monate im Amt sind, dann können sie abgewählt werden. Sie machen im täglichen Wechsel Gruppensprecherarbeit. D.h. sie arbeiten nicht am Band mit, sondern sind zuständig für Urlaub und Freischichten, Qualität, den Q-Alarm (wenn ein Fehler auftritt oder ein Kollege nicht schnell genug seinen Arbeitsschritt macht, gibt er Q-Alarm, dann kommt ein Springer und bügelt den Fehler am laufenden Band aus, der Kollege geht zum nächsten Auto). Puffer gibt es jetzt beim neuen Band nicht mehr. Wir können nicht mehr vorarbeiten.
90 Prozent der Produktion ist auf 1 Takt organisiert, d.h. jeder Arbeiter bearbeitet jedes Fahrzeug, das sich in diesen 85 Sekunden fünf Meter bewegt. Alle fünf Meter kommt eine Linie, die der Arbeiter nicht übertreten darf, sonst schafft er das nächste Auto nicht. Wenn er mit einem Schritt nicht fertig wird, muss er Q-Alarm geben, dann kommt ein Springer. Wenn es nicht sein Fehler war, ist das nicht schlimm, wenn er selbst mehrmals am Tag Q-Alarm gibt, gibt es ein Qualitätsgespräch mit dem Meister. Die Arbeit ist aber auch so organisiert, dass du als erstes ein Problem mit deinen eigenen Kollegen kriegst, da herrscht immer Hektik. Man hilft sich schon, aber viele sagen: ich mache meine Arbeit, der Rest interessiert mich nicht.
Es gibt 16 Stationen, wir rotieren alle halbe Stunde. Das verringert die einseitige Belastung.

Wie ist die Gruppenarbeit organisiert?

Die Gruppen sind meist schon lange zusammen. Einmal wöchentlich gibt es ein Gruppengespräch (20 Minuten bezahlt, 10 Minuten Pausenzeit), in dem über Qualität, neue Maßnahmen, Sicherheit usw. informiert wird. Fortbildung gibt es nicht. Gewerkschaft und Betriebsräte sehen es gerne, wenn Vertrauensleute auch Gruppensprecher sind – schon, weil die mehr Zeit haben, aber die Kollegen wollen das nicht. Die wollen, dass der Vertrauensmann für ihre Interessen eintritt.
Die Gruppen sollen auf acht Leute verkleinert werden, ein Meister wäre dann für vier Gruppen zuständig. Es soll keine gewählten Gruppensprecher mehr geben, sondern pro Gruppe soll ein »Teamleader«, praktisch ein Kapo, eingesetzt werden, der nicht mitarbeitet, sondern für KVP, Optimierung, Urlaubs- und Freischichtpläne, Qualität und Sicherheit zuständig ist. Der bildet dann die neue Führungsebene 6. Darüber wird seit zwei Jahren diskutiert, aber bei der S-Klasse haben sie nun begonnen, das umzusetzen.

Das ist ja wie früher! Man kehrt also zum alten Modell zurück und schafft alle Vorteile der Gruppenarbeit ab.


Aktionen

Im Sommer 2009 soll es zu Arbeitsniederlegungen an den Montagebändern gekommen sein, weil der Stress unerträglich war. Kannst Du dazu etwas sagen?

Anfang des Jahres wurde die Produktion der E-Klasse langsam angefahren, im Juni war die Kammlinie erreicht. Wegen der Kurzarbeit hatte es keine Neueinstellungen gegeben, sondern Urlaubssperre, keine Freischichten, Kranke wurden ständig zuhause angerufen.
Deshalb gab es eine Aktion, die vermutlich inoffiziell mit dem Bereichsbetriebsrat abgesprochen war. Eine Gruppe hat die Arbeit niedergelegt und ist zum Betriebsrat gegangen. Die anderen haben es nachgemacht. Wenn 30 Leute weg sind, steht das Band. Wir sind mit ca. 1000 Leuten zum für uns zuständigen Betriebsratsbüro. Es gab erstmal ein offenes Mikrophon für Leute, die den Arbeitgeber kritisiert haben, wer die Gewerkschaft kritisiert hat, wurde abgewürgt. Als er das sah, hat sich der BR-Vorsitzende Klemm an die Spitze des Protests gestellt. Der Center-Leiter musste kommen. Er versprach Neueinstellungen, ihm wurde eine Woche Frist gewährt. Der stellvertretende BR-Chef hat angekündigt, dass wir sonst wiederkommen, aber das ist natürlich nie geschehen, obwohl sich die Bedingungen kaum verändert haben. Die Aktion dauerte etwa eineinhalb Stunden. Sie hat sich trotzdem gelohnt, denn der Betriebsrat hat den Druck der Belegschaft gespürt: er hat kapiert, dass die Leute rausgehen, wenn man sie ruft. Das kann er natürlich für sich nutzen, aber er kriegt auch ein bisschen Angst.

Jetzt erzähl bitte noch, wie Ihr im Dezember 2009 die Arbeit niedergelegt habt, als bekannt wurde, dass die C-Klasse verlagert werden soll…

Diese Aktion war nicht abgesprochen. Montags gab es eine Betriebsversammlung, auf der die Verlagerung der C-Klasse nach Bremen, USA und China bekannt gegeben wurde. Am Dienstag gab es eine Kundgebung zusammen mit Leuten aus anderen Betrieben draußen vor dem Tor. Am Mittwoch fiel dann die Entscheidung. Der Betriebsrat hatte nicht erwartet, dass die Leute nach der Kundgebung und der Entscheidung nochmal auf die Straße gehen würden. Aber da hatte er sich getäuscht! Die dachten, sie hätten die Luft rausgenommen und dass die Leute die Entscheidung akzeptieren würden.
Am Mittwoch um 9 Uhr informierten die Meister die Gruppen über die Entscheidung des Vorstands und schickten die Leute wieder an die Arbeit. Aber ein Vertrauensmann hat dann gesagt: »Nein, wir gehen jetzt zum Betriebsrat!« Daraufhin ist eine Gruppe mit 20 Leuten aus der E-Klasse zum Betriebsratsbüro. Andere Gruppen, die das gesehen hatten, sind hinterher. Dann gingen sie zum Bau, wo die C-Klasse montiert wird und forderten die Leute auf mitzugehen. Das Band wurde abgestellt und ca. 1000 Leute sind zum BR-Büro. Das ging alles sehr schnell. Der Betriebsrat wollte abwiegeln, wurde aber niedergeschrien: »Ihr seid nicht mehr unsere Führer.« So wurden mehrere niedergebrüllt und am Sprechen gehindert. Ein Vertrauensmann rief dann auf, zum Bau 1 zur Personalabteilung über die Straße zu gehen. Dann schlossen sich auch Leute aus der S-Klasse, aus Presswerk, Lackiererei und Rohbau an. Insgesamt wuchs die Menge auf 3-4000 Leute an.
Eine spontane Kundgebung dieser Größe hat es nie zuvor bei Daimler gegeben. Günstig war, dass der BR-Vorsitzende Klemm und sein Stellvertreter an dem Tag in Hamburg bei Verhandlungen waren. Die Betriebsräte vor Ort hatten die Belegschaft nicht im Griff, sie forderten den Werkleiter auf, herauszukommen, aber den ließen die Kollegen auch nicht sprechen. Dann redete der IGM-Sekretär und schickte um 11 Uhr die Leute zurück an die Arbeit. Die sind auch in ihre Abteilung zurück, haben aber die Sachen ge- packt, sind wieder auf die Straße und dann nach Hause gegangen – es war ja schon 12 oder 1 Uhr. Als die Gegenschicht kam (da war ich dabei, aber ich hatte am Vormittag schon alles über Handy mitverfolgt), hat der Meister wieder ein zehnminütiges Informationsgespräch gemacht. Unsere Gruppe hat gesagt: »Wir gehen zum Betriebsrat!«
Die Leute sind zu fünft zum Betriebsratsbüro, dann waren es mehrere 100, die C-Klasse kam dazu. Wir haben die ganze Zeit »zu spät!« geschrien und sie nicht reden lassen. »Ihr habt das alles gewusst, aber bis heute nichts davon gesagt, jetzt ist es zu spät!« Ca. 5-6000 Leute sind auf die Straße raus. Uwe Meinhardt von der igm-Verwaltungsstelle kam. Nach zwei Stunden wollte er die Leute wieder an die Arbeit schicken und versprach, dass es am nächsten Morgen wieder eine Demo gibt. Klemm und sein Stellvertreter waren inzwischen wieder da, wir ließen sie aber nicht reden. Eine Demo für Freitag 11 Uhr wurde angekündigt, damit die Leute am Donnerstag um 18 Uhr wieder an die Arbeit gehen.
Die Demo am Freitag fand statt, die Spätschicht hat von 14 bis 18 Uhr gearbeitet und ist dann rausgegangen. Sie sind mit 7-8000 Leuten über die Autobahn nach Böblingen gelaufen. Da waren auch viele Leute aus Zulieferbetrieben und von Daimler Untertürkheim dabei. Vertrauensleute hielten Reden.
Damit war die Mobilisierung zuende, aber Geschäftsleitung und Betriebsrat waren so unter Druck gekommen, dass sie für den folgenden Montag eine weitere Betriebsversammlung ankündigten, auf der auch Zetsche auftreten sollte, wie das die Belegschaft wollte.
Die Betriebsversammlung hat von 10 Uhr bis zum Feierabend gedauert – die Leute sollten ruhig gestellt werden. Zetsche trat auf, zehn Minuten wurde er am Reden gehindert. Das erste, was er sagte, war: wegen der C-Klasse wird es keine betriebsbedingten Kündi- gungen geben. Die Maßnahmen seien für uns gut, um unsere Arbeitsplätze zu retten. Damit hatte er die Hälfte der Leute für sich gewonnen. Als er versprach, bis kommenden Mittwoch ein Verhandlungsergebnis vorzulegen, war die Mehrzahl der Leute erstmal wie- der beruhigt.
Am Mittwoch wurde dann die »Betriebsvereinbarung 2020« vorgelegt: so schnell ist noch nie eine Betriebsvereinbarung ausgehandelt worden! Danach sollen als Ersatz für die C-Klasse 1000-1500 neue Arbeitsplätze im Werk geschaffen werden. Es wurde aber auch vereinbart, dass die Arbeit optimiert und bei jedem Modell 30-40 Prozent der Kosten eingespart werden sollen.
So eine spontane Massenaktion ist beim Daimler zum ersten Mal passiert. Die Leute haben gesehen, dass sie etwas gemeinsam erreichen können, wenn sie sich selbst organisieren.

aus der Marginalspalte:

»Spontan-Streiks in Sindelfingen nach Aus für C-Klasse Tausende Schaffer legen Daimler lahm«
BILD Stuttgart 3.12.2009 Die Aktion hat dazu geführt, dass am Montag im Montagewerk in Rastatt die Spätschicht keine Türen mehr hatte und nicht arbeiten konnte.

»Die Sindelfinger Beleg- schaft fand bisher den Be- triebsratschef Erich Klemm gut, jetzt fühlen sie sich betrogen.«
»Die Lage ist im Moment unter Kontrolle. …. Was hätte passieren können, ist abgewendet worden.«

Kommentar eines alternativen Betriebsrats aus Mettingen

der Text ist uns von der Gruppe Wildcat zur Verfügung gestellt worden.